Weihnachten?!

Und plötzlich ist Weihnachten…

Es ist Dezember geworden, ein lauer Dezember mit kahlen Bäumen und grünen Wiesen, die einfach nicht in dieses Bild passen wollen. Wenn ich mit dem Zug auf Arbeit fahre, erinnert die Landschaft, die ich dabei quere an Herbst. An Winter nicht zu denken.

Wie fremd klingt es dann, wenn von Weihnachten gesprochen wird. Weihnachten…aus der Küche duftet es nach frischem Gebäck, Garten und Haus werden mit Weihnachtsschmuck verschönert, überallher tönen die Melodien traditioneller oder moderner Weihnachtsmusik. So zumindest stellen sich denke ich viele von diese festliche Zeit vor.

Bei mir hat Weihnachten dieses Jahr aber jenes festliche Gewand abgelegt und sich nur ganz leise sich mir angekündigt. Mit ein paar Lichterketten (darauf der Gruß „la multi ani“), Weihnachtsmännern und seltenen Tönen, der hier traditionellen Weihnachtslieder (colinda) schien es, mich erinnern zu wollen, dass es Einzug in die Häuser und Familien gehalten hat. Das Stadtbild gleicht größtenteils dem vor einem Monat.

Doch auch fernab von einem festlichen und westlich mehr oder weniger kommerzialisiertem Volkssport, finde ich hier den Geist von Weihnachten. Die Kinder in Periam konnten sich über einen Weihnachtsbaum freuen und verfassten kleine bemalte Wunschzettel für den Weihnachtsmann. Letzte Woche wurden sie dann nach einem Weihnachtsessen mit einem schön verpackten Geschenk in die Ferien entlassen. Vorher wurden natürlich erstmal alle gelernten Weihnachtslieder gesungen und einige trugen Gedichte vor. Die Geschenke waren Spenden aus Deutschland/Österreich, wobei man merkt, dass manche auch einfach nur ihren Müll spenden (unnütze Werbegeschenke) oder gar nicht richtig nachdenken, beim Spenden (Pixiebücher auf Deutsch ). Trotzdem haben sich alle Kinder sehr gefreut und Spielsachen, die nicht passten wurden einfach untereinander getauscht. Abschliesend bekam jeder noch ein großes Stück traditionellen Mohnkuchen und Süßigkeiten.

In der Suppenküche dürfen sich alle, die kommen seit zwei Wochen immer über mindestens ein großen Sack voller Teigwaren freuen, aus dem jeder soviel nehmen kann, wie er will oder tragen kann.

In der Stadt gibt es einen Weihnachtsmarkt, ähnlich wie in Deutschland, allerdings nicht bei weitem so überrannt. Es gibt Stände mit traditioneller Kunst oder Wintermode und natürlich dürfen auch die Glühwein und Essstände nicht fehlen. Insgesamt herrscht aber ein deutlich ruhigeres und originelleres Klima, als ich es von ähnlichen Märkten zu Hause in Dresden, aber auch ander Orts in Deutschland gewöhnt bin.

Generell kann hier von Weihnachtsstress nicht die Rede sein. Und ich denke, wenn Leute in Deutschland von diesem Stress reden, dann nur, weil sie aus jedem Lautsprecher und von jedem Plakat unter die Nase gerieben bekommen, dass sie unbedingt noch den Schmuck und die Geschenke einkaufen müssen und noch das besorgen müssen für das perfekte Weihnachten. Allgemein finde ich, dass man sich zu Weihnachten immer viel zu sehr damit stresst, möglichst viel Termine einzuplanen, sei es der übermäßige Konsum von vermeindlich für Weihnachten Verplichtendem oder die Organisation von Weihnachtsfeiern, etc. … und bei all dieser Reizüberflutung im Dezember, geht für mich meisten der eigentliche Sinn für Weihnachten verloren: das wichtigste zu Weihnachten kann nicht gekauft oder organisiert werden. Das wichtigste ist Liebe, Liebe für die Menschen (ALLE Menschen) und die müsst ihr einfach nur zeigen und leben. Das ist doch eigentlich Weihnachten.

Weihnachten an sich werde ich dann im Kloster feiern. Wir sind eingeladen zur Weihnachtsvesper, anschliesend Essen und dann Christmette. Es wird sicherlich spannend mal ganz anders und mit den Brüdern und Schwestern Weihnachten zu feiern.

Es werden demnächst auch eine Reihe von Bildern folgen, die ich bisher gemacht habe, sobald ich das Problem mit meinem Verbindungskabel gefixed habe.

Ich wünsche allen eine fröhliches und besinnliches Fest der Liebe und natürlich schöne Feiertage.

La multi ani!!!

 

 

Werbeanzeigen

Erster Einblick

Also liebe Leser es wird langsam wirklich Zeit, dass ihr mal von mir hört.

Ich werde euch jetzt folgend am besten meinen Zwischenbericht für meine Organisation reinpacken, da er sehr ausführlich ist und die letzten 3 Monate sehr gut beschreibt.

Also viel Spaß beim Lesen:

(schreckt bitte nicht vor der Länge zurück, demnächst werden kürzere Berichte folgen. Ich wünsche euch viel Spaß beim lesen. Bilder folgen bald)

Bericht aus Rumänien

Ich denke ich habe mich hier soweit gut eingelebt. Auf der Arbeit, aber auch sonst im Alltag finde ich mich immer besser zurecht. Meine Ankunft hat sich hier erstaunlich angenehm gestaltet, was sicher daran liegt, dass ich schon viele Erfahrungen mit Osteuropa gemacht habe, aber vor allem daran, dass man sehr herzlich im Kloster aufgenommen wurde. Außerdem sind die Brüder sehr jung, was den Kontakt grad zu uns Jugendlichen erleichtert. So wurde zumindest ich schon in der ersten Woche vertraut mit der Stadt. Zudem kam die gute Einführung in wichtige Örtlichkeiten, Arbeit und Wohnung durch die alten JV’s. Hinzukommt, dass Timisoara eine sehr kulturell- sowie kulturvielfältige Stadt ist, was heißt, dass sowohl auf der Arbeit als auch im gewöhnlichen Alltag beim Einkaufen, etc. sehr viele hier Deutsch und auch Englisch und viele andere westeuropäische Sprachen brüchig bis teilweise sehr gut sprechen. Das kommt meistens aus familiären Hintergrund (österreich-ungarische Zeit, Donauschwaben, Siebenbürgensachsen) oder auch weil viele hier nach Westeuropa arbeiten gehen, da der Lohn um einiges höher ist und man zusätzlich Geld zur Familie nach Rumänien schicken kann. Weil viele den Wunsch haben in Deutschland zu arbeiten, da sie die „Gerechtigkeit“ des Staates und die Arbeitsweise und „Ehrlichkeit“ der Deutschen schätzen, wird man hier auch sehr freundlich empfangen und die Leute freuen sich, ihre Deutschkenntnisse präsentieren zu können und ihr Wissen über Deutschland. Das hilft am Anfang enorm für den Einstieg, erfordert aber umso mehr den Mut, später Rumänischkenntnisse einzusetzen. Im Gegenzug können viele nicht verstehen und fragen auch immer: „Warum gerade Rumänien?“. Es erfordert sehr viel Geduld den Leuten zu erklären und zu zeigen, warum man deutschen Luxus hinter sich lässt und in ein Land wie Rumänien fährt, um sich mit anderen Lebensweisen und -verhältnissen auseinanderzusetzen, zwischen Kulturen zu vermitteln und vor allem natürlich zu helfen, bzw. anderen seine Zeit zu schenken.

Da wir grad beim Thema deutscher Luxus, Geld und Einkommen angekommen sind, möchte ich darüber ein paar Worte verlieren, weil dies sehr wichtig ist. Der ungefähre Mindestlohn tendiert zwischen 100-200 Euro auf dem Land und 200-500 Euro in der Stadt. Das ist nur ein bisschen mehr als mein Taschen- und Verpflegungsgeld zusammen. Allerdings ist mein Geld komplett nur für Essenskosten und zusätzlichen „Luxus“. Ich sage aus gutem Grund Luxus. Ich möchte einen Vergleich anstellen. Ein rumänischer Bekannter bekommt pro Monat rund 220 Euro, ein normaler Lohn in der Stadt. Die Wohnungsmiete kostet 180 Euro. Von den gebliebenen 40 Euro muss die Hälfte für Strom, Gas und Wasser eingeplant werden. Es bleiben also 20 Euro zum Leben, wobei im Supermarkt die Preise deutschlandgemäß sind. Deswegen spreche ich von Luxus, wenn ich mir eine für unsere Verhältnisse billige Haarschneidemaschine für 20 Euro kaufen kann.

Das ist auch das, was mir am meisten auffällt, aber was die Leute aus meiner Arbeit auch selber sagen. Die Preise sind stark gestiegen in den letzten Jahren, auch auf Grund des EU-Anschluss, aber an der Lebenssituation hat sich wenig geändert. Grad bei meiner Arbeit mit den „Obdachlosen“ erfahre ich das fehlende Vertrauen ins eigene Land und in ihre Zukunft in Rumänien. Viele von ihnen gehen auch arbeiten, meistens geduldete Schwarzarbeit, Tagesjobs, wo sie am Tag 20/30 Lei verdienen. Das sind umgerechnet 5-8 Euro, was grad für Essen auf der Arbeit reicht. Vieles in diesem Land, sei es Teile der Regierung, des Staates allgemein´oder sonstigen Institutionen, wird hier mit versteckter Korruption und Schmiererei gelöst und das in einem europäischen Land. Verständlich das viele im Anschluss eher einen Anstieg der Lebenskosten sehen, doch eine wirklich Unterstützung oder Veränderung im Land ist hier nicht zu spüren.

Viele träumen deswegen, von einer Arbeitsmöglichkeit im Ausland. Eltern müssen ihre Kinder bei ihren Großeltern zurücklassen um meistens in Italien/Spanien, aber meistens am liebsten in Deutschland ihr Glück zu finden. Ich finde diesen Umstand ehrlich gesagt sehr bizarr. Menschen müssen Familie und Heimat verlassen um bei uns zu arbeiten, damit sie und ihre Familie richtig leben können. Das heißt nämlich auch EU.

Wenn mich Leute hier fragen, ob es mir hier gefällt hier in Rumänien, kann ich immer nur antworten: „Das Land, die Menschen, die Arbeitsweise und vor allem die Lebensweise; alles das gefällt mir hier sehr gut und passt auch zu mir, aber bedenkenlos kann ich das nur durch die vor allem finanzielle Absicherung durch die Jesuiten genießen. Wenn ich hier vollwertig leben würde, muss ich schauen, wie ich über die Runden komme“.

Und gerade deswegen ist es auch so wichtig sich mit Osteuropa zu beschäftigen, da es eigentlich vor unserer Haustür liegt und wir doch so wenig wissen über Land, Lebensweise und die Menschen, die dort leben. Aber es betrifft uns viel mehr als wir denken, auf Grund der zuvor aufgezeigten Zustände.

Und damit komme ich zu meiner „Arbeit“, obwohl ich es eigentlich nicht so nennen würde, da das im allgemein deutschen Sprachgebrauch meisten mit Begriffen, wie Leistung, Leistungsentlohnung, Geld, Zwang, Druck, konkret, effektiv, zielorientiert assoziiert werden würde.

Ich sage oft, ich arbeite nicht, ich schenke Zeit und das ist meistens das wichtigste in sozialer Arbeit, vor allem im Ausland. Die Erfahrung, die ich bis jetzt in Rumänien gemacht habe/mache, ist, dass am Anfang (und das berichten auch andere, die im Freiwilligeneinsatz sind) sich die Projektpartner/ oder auch der Besuchsdienst meistens nicht trauen, einem Aufgaben zuzuteilen, aber nicht auf Grund der fehlenden Sprachkenntnisse oder der eigenen Unfähigkeit, sondern viel mehr, weil sie denken, dass sie den Freiwilligen belasten. Sie können halt meistens nicht verstehen, warum wir ein Land wie Deutschland verlassen, um nach Rumänien zu kommen. Deswegen kann man am Anfang meistens erst mal nur zuschauen, zeigen, dass man Zeit hat und halt von selbst abschätzen, wo man mit anpacken kann. Und das war bei mir sehr hilfreich, dass ich einfach von selbst dann mitgeholfen habe z.B. in Periam mal beim Garage räumen, oder bei Hausaufgaben und mit der Zeit, wo jetzt auch die Sprache besser wird, werden mir dann auch mehr Aufgaben anvertraut.

Ich mache jetzt meistens Mathe-, Englisch- und vor allem Deutschhausaufgaben mit den Kindern oder lerne mit ihnen Rumänisch schreiben und lesen. Grad meine Arbeit mit den kleinen Kindern (also 1. Klasse) hat mir enorm geholfen, schnell die Grundlagen von rumänisch zu lernen und hilft mir immer noch, weil ich praktisch mit ihnen zusammen lerne. Außerdem wird mir jetzt auch langsam das Hinbringen und Abholen der Kinder Mittags von der Schule zugetraut, was ich sehr schön finde, weil das immer die Zeit ist um mit den Kleinen mal so zu reden oder bisschen Spaß halt außerhalb der Schule zu erleben. Generell bereitet mir die Arbeit mit Kindern sehr viel Freude und ich schenke ihnen immer gerne meine Aufmerksamkeit und Zeit, auch wenn es mal anstrengend wird.

Bei meinem Besuchsdienst treffe ich mich für ein paar Stunden mit einer älteren Dame. Sie ist leider halbseitig gelähmt und deswegen mache ich mit ihr im Rollstuhl meistens die Einkäufe für die Woche, wobei sie auch gleichzeitig an die frische Luft kommt, was ihr sehr gut tut, wie sie meint. Sie ist eine sehr lebendige und lustige/fröhliche Frau und redet eigentlich die meiste Zeit, was aber nicht schlimm ist, da sie sich oft an ihre Jugend erinnert. Und auch, wenn ich nicht immer alles verstehe, ist das wichtigste, denke ich, dass sie sich erinnert und das mit jemandem teilen kann, da sie sonst sehr oft einsam ist.

Ich habe oft was zu lachen, nicht weil ich ihre Späße immer verstehe, aber weil sie ansteckt, mit ihrer Art und Weise Lebensfreude zu zeigen. Obwohl sie nur sehr wenige Worte deutsch kann, funktioniert die Verständigung eigentlich immer ganz gut, vieles muss man halt in einer Fremdsprache auch einfach ausprobieren.

Im Nachtasyl habe ich keine wirkliche Beschäftigung, da Essen, Putzen etc. von den Bewohnern selbst organisiert wird. Eigentlich ist das wichtigste, dass ich komme und den Leuten meine Zeit und mein Gehör schenke. Viele fragen mich immer wieder, wieso ich zu ihnen komme und nicht einfach zu Hause bleibe. Sie verstehen nicht, dass mir das Treffen mit ihnen Spaß macht und dass ich mich freue, hier in Rumänien zu sein, aber sie freuen sich zumindest, wenn ich komme. Viele bezeichnen mich als ihr Freund, obwohl Freundschaft hier, wie ich gelernt habe, anders zu begreifen ist. Man kann von einer Freundschaft mit gesunder Skepsis sprechen. Skepsis und Misstrauen tritt vor allem dann auf, wenn es um Besitz oder Geld geht, um Ehrlichkeit. Trotzdem entstehen Freundschaften, in denen man sich unterhält, zusammen lacht, streitet und was eben zu einer Freundschaft zählt, nur das eben ein wirklicher Freund auf den man sich zu 100% verlassen kann, denke ich schwierig zu finden ist und, dass das auch lange Zeit braucht.

Viele freuen sich, dass ich komme. Sie können mir ihre Sorgen erzählen, oder oft schimpfen sie über Rumänien, sie wollen über Deutschland reden und ihre Hoffnung, dort eine Arbeit zu finden. Sie spielen mit mir Karten, machen Späße untereinander, der Umgangston ist meistens rau, vulgär, manchmal auch aggressiv, aber noch nie ist es zu Auseinandersetzungen gekommen. Es ist mehr oder weniger der Ton der Straße, der aber auch etwas sehr lebendiges hat. Ich erfahre dort sehr viel über Rumänien, über das Leben hier, über das System, und natürlich auch ein bisschen, wie die Menschen hier denken. Viele von ihnen treffe ich mittags, oder abends in der Stadt, wenn sie arbeiten.

Einen treffe ich am Bahnhof ab und zu, wenn ich von Periam komme. Wir gehen dann meistens einen Tee oder Kaffee trinken und unterhalten uns eine halbe oder eine Stunde. Oder einer, der nur 3 Jahre älter ist als ich. Viele verwechseln uns im Nachtasyl oder sagen wir sind Brüder und für ihn bin ich das auch. Ein kleiner Bruder. So werde eigentlich ich in ihre Gemeinschaft nach und nach aufgenommen und es entstehen Freundschaften, aber Freundschaften, in denen Geld nichts zu suchen hat. Aber erstaunlicher Weise fragt mich auch niemand hier nach Geld. Natürlich fragt man mich häufig nach meinem Taschengeld und ich antworte dann darauf auch ehrlich, aber sie neiden mir das nicht. Wahrscheinlich muss ich für sie auch viel Geld haben, da ich Deutscher bin. Oder weil halt sozial und gerecht keine wirklich wertgeschätzten Begriffe sind.

Generell finden Sozialprojekte in Rumänien wenig Zuspruch in der Bevölkerung, aber auch so wenig wie möglich Unterstützung vom Staat. Das resultiert sicher auch aus der kommunistischen Vergangenheit dieses Landes, in der Randgruppen und vor allem unproduktive Bevölkerungsgruppen als asozial (daher stammt auch der heutige Begriff) bezeichnet wurden und ausgegrenzt oder aktiv vernachlässigt wurden, da sie dem Wohl der Gemeinschaft nicht dienen konnten.

Wenn es dann um 1989 geht, sprechen hier viele von der gestohlenen Revolution, da mit dem Sturz und Hinrichtung Ceausescus und Säuberung von Militärs sowie Regierung zwar die Repräsentanten verschwanden, allerdings ausgetauscht wurden durch alte Parteimitglieder und Aktionäre unter anderer Fahne. Korruption blieb bestehen, Einzelne bereicherten sich am Land und das System bestand unter anderen Begriffen und Namen weiterhin. Für viele Rumänen sind es bis heute die alten Kommunisten/Sozialisten, die das Land anführen. Deswegen ist es auch schwierig über dieses Thema zu sprechen.

Das ist nur ein sehr kleiner Einblick um Überhaupt das Leben und das Denken der Menschen hier annähernd begreifen zu können. Es ist nur der simpelste Versuch, die Wirkung der rumänischen Geschichte der letzten 50/60 Jahre und ihre Auswirkungen bis heute auf das Land und die Menschen allgemein, aber auch vor allem im Bereich des Sozialen/ -projekte erfassen zu können.

Zu dem kommt, seit dem Beitritt zur EU ein Neid gegenüber zuschussgeförderten Minderheiten, vor allem den Roma, da diese Gelder meist durch die EU kontrolliert werden und nicht vom Staat einfach „eingesteckt“ werden können, während in der normalen Bevölkerung ein Aufschwung, bzw. eine Veränderung kaum zu spüren ist.

Natürlich ist frischer Wind spürbar. Vor allem in der Kulturstadt Timisoara verändert sich seit den letzten Jahren vor allem infrastrukturell und im Stadtbild vieles, mit dem Ziel 2020 europäische Kulturhauptstadt zu werden. Aber auch gesellschaftlich bewegt sich Rumänien in kleinen Schritten. Grad Klaus Johannis genießt, nach dem was ich so höre sehr hohes Ansehen in Rumänien. Man hofft auf den neoliberalen Kurs des 2014 gewählten Präsidenten. Doch er allein kann nicht immer entscheiden und hat somit auch gegen einen starken Parteiapparat zu kämpfen. Dennoch ist Veränderung spürbar, auch wenn sie ihre Zeit braucht, Grad in Rumänien wo Arbeit nicht immer ganz so wichtig genommen wird, frei nach dem Motto „Lebenszeit ist Arbeitszeit“, was aber, wenn man der Typ dafür ist, auch eine angenehme Erfahrung sein kann. Es ist zwar schwer zu beschreiben, aber wenn ich es versuchen soll, in Worte zu fassen, dann vertraut man hier mehr auf seine Arbeit; keine Hektik, das wird schon. Es ist keine Faulheit, aber eine gewisse Ruhe und nicht so strikt, effektiv und regelorientiert oder -konform, wie in Deutschland. Zu mir passt das eigentlich ganz gut, aber man muss den Dingen halt auch mehr Zeit geben bei ihrer Entstehung/ Entwicklung.

Bevor ich mit diesen schönen und hoffnungsvollen Worten ende, möchte ich von meinem bisher hier schönsten Erlebnis berichten. Kurz nach meiner Ankunft Ende Juli, wurde ich spontan von meinem Projekt in Periam eingeladen, mitzukommen auf eine Art Feriencamp für die Romakinder nach Sasca Montana. Auf diesem Ausflug habe ich nicht nur sehr viele nette Menschen kennengelernt, ich habe auch sehr viel über meine Kinder aus dem Projekt erfahren, wir hatten sehr fröhliche, spaßige Momente zusammen und ich habe eine sehr schöne Region Rumäniens kennengelernt. Neben den Bade- und Wanderausflügen rund um Sasca Montana, ging es vor allem um Themen wie Freundschaft, Liebe und Familie. Dazu gab es drei Thementage, an denen in Diskussionen drei Säulen einer guten Beziehung erarbeitet wurden: Vertrauen, Respekt, Liebe. Am Ende hat jeder ein Zertifikat bekommen, dass er an dieser Freizeit teilgenommen hat.

Ich habe in der Zeit die Kinder sehr gut kennengelernt und sie sind mir sehr ans Herz gewachsen. Am letzten Abend gab es eine Talenteshow. Spontan wurde ich dazu überredet einen Romasong mit zwei Jungs einzustudieren. Am Abend wollten fast alle Jungs dann mitsingen und es hat sehr viel Spaß gemacht. Sie waren sehr stolz darauf und auch auf mich, dass sie es mir in so kurzer Zeit beigebracht hatten.

Die Zeit hat mich sehr an die Feriencamps in meiner Kindheit erinnert, nur dass ich diesmal plötzlich einer der Erzieher. Trotzdem war es sehr schön die Kinder so glücklich zu sehen und ich habe wundervolle Erinnerung an diesen Ausflug. Er hat mir einen sehr guten Start in dieses Jahr bereitet.

Mit dieser besonderen Erinnerung möchte ich nun meinen Bericht enden.