Nicht mehr so lang!:(

Ein Abschied naht:
Langsam aber sicher wird mir und auch allen anderen hier immer bewusster kurze Zeit (2 Monate) wir eigentlich nur noch in Rumänien sind.
Der Alltag, der sich über die letzten Monate eingestellt hat und bei mir im Winter auch teilweise manchmal zu Eintönigkeit geführt hat, wird jetzt durch einige wichtige Fragen durchbrochen:
Was mache ich nach meiner Rückkehr in Deutschland?
Wie nutze ich hier meine verbleibende Zeit in den Projekten?
Was will ich hier in Timisoara, im Umkreis oder in Rumänien noch alles in meiner freien Zeit entdecken/machen?
Nachdem sich die Frage meiner postschulischen Zukunft in Deutschland mit dem Beginn des Freiwilligenjahres in Bedenkzeit auflöste und damit unklar im Raum stehen blieb, fand ich lange keine Antwort und befürchtete wieder nach Deutschland zu kommen um nach wie vor nicht zu wissen, wo hin mit mir. Durch den Kontakt zu einem sehr guten Schulfreund erfuhr ich dann vom Studiengang Holztechnik, da ich den aber gerne Dual studieren möchte, um auch Kenntnisse im Handwerk zu erlernen, muss ich jetzt noch ein Jahr Bewerbungszeit verbringen. Also gehe ich ab Sommer nach Leipzig um ein Vorstudium Design zu durchschreiten. Damit halte ich mir jetzt noch ein Jahr zwei Optionen offen, die ich gleichzeitig für mich ausprobieren kann. Damit wäre das Wohin nach dem Jahr ersteinmal beantwortet.
Wie die letzten 2 Monate in meinen Projekten nutzen?
Bei der Dame, die ich besuche, hat sich in letzter Zeit viel geändert! Sie war vor ungefähr 2 Monaten bei einem Arzt für einen Gesundheitcheck und hat nun endlich Gewissenheit über ihre vorherigen Vermutungen: Diabetis. Zusammen mit dem Arzt wurde daher der Ernährungsplan umgestellt und somit auch unsere wöchentliche Einkaufsrute. Wir fahren jetzt eigentlich immer zum nahgelegenen Markt um dort viel Gemüse und Obst zu holen, dann ab und zu Käse, viel Joghurt und ab und zu Fleisch, allerdings nur noch Geflügel, obwohl man auch ohne Diabetis den Verzehr von rotem Fleisch einschränken sollte.
Manchmal wird noch ein Abstecher zur Apothek oder zum Naturaliste (da gibt es Naturprodukte/Tee, Cremes, Öle, etc.) gemacht und auch den Friseur bei ihr um die Ecke kenn ich mittlerweile ganz gut.
Wenn ich sie jetzt besuchen komme, verkündet sie mir immer stolz, wie viel sie über die Woche mit ihrer Diät abgenommen hat und das sind ganz schön sportliche Zahlen. Vor allem merke ich es, wenn wir uns zum Einkaufen vorbereiten. Trotz der halbseitigen Lähmung ist sie beim Umziehen immer beweglicher und auch das Laufen bzw. das Ein- und Aussteigen aus dem Rollstuhl habe ich das Gefühl, geht mit der Zeit immer schneller und vor allem leichter von Statten.
Es verwundert mich immer, wie viel Kraft in dieser Frau steckt, dass ich sogar noch in den letzten Monaten mit ihr eine so starke Veränderung ihres körperlichen Zustandes miterlebe. Was mir neulich aufgelfallen ist, wie stark die Ausflüge mein Blick dafür geschärft haben, dadurch dass ich mit ihr ja immer im Rollstuhl unterwegs bin, ob man im öffentlichen Raum Menschen mit Gehproblemen die Chance zur Mobilität bietet oder eben nicht. Darüber hätte ich vor diesem Jahr gar nicht nachgedacht, da ich ja das Glück habe zwei gesunde Beine zu gebrauchen. Außerdem hat sich mein Fahrstil mit dem Rollstuhl auch geändert. Am Anfang denke ich, bin ich sehr sportlich gefahren, da man an sich, wie blöd das auch klingt ja nur einen Rollstuhl mit einer Person befördert. Dabei habe ich erst mit der Zeit gelernt, dass das Gefühl beim Fahren zwischen mir und Frau O. ein ganz anderes ist. Wenn wir zum Beispiel auf eine Kante zufahren schätze ich ab, ob wir mit gewissen Schwung drüberfahren können oder hängen bleiben und womöglich noch den Rollstuhl zum Kippen bringen könnten. Frau O. möchte aber generell solche solche Kanten rückwärts hochfahren. Das zeigt mir oft, wie unterschiedlich die vermeintlich gleiche Situation von zwei Menschen wahrgenommen werden kann. Dadurch dass ich der aktive Part bei der Kantenproblematik bin sinkt mein Risikogefühl, da ich Handlungsfähigkeit besitze und mich in einem Prozess befinde, in dem ich anpassungsfähig bin und im Fall des Blockierens oder Kippens flexibel bin. Da Frau O. aber im Rollstuhl sitzt, ist sie dem Gefühl der Hilflosigkeit ausgesetzt und sie entweder sicher ist oder aus dem Rollstuhl kippt. Damit überkommt sie natürlich viel schneller Panik, wenn wir frontal auf einen Bordstein zufahren.
Aber mittlerweile sind wir da ein ganz gut eingespieltes Team, weil sie ein gewisses Vertrauen in meine Fahrkünste hat und ich versuche nicht in meiner Sichtweise, aber in ihrer möglichst sicher zu fahren.
Wo das Wetter jetzt besser ist gehen wir neben dem Einkaufen oft spazieren bzw. ein Eis essen.
In Periam dachte ich zuerst am Nachmittag meinerseits ein wenig Deutschvorbereitung zu gestalten, da wurde ich jetzt aber eher im Bereich Mathe gebraucht. Grade in den größeren Klassen zeichnet sich für mich ein gewisses Bild des rumänischen Bildungssystems ab. Ich denke nicht, dass die Schüler hier sehr selbstständig denkend und methodenunterstützt im Unterricht vorbereitet werden. Gerade in Mathematik lässt sich das feststellen, da es eines der wenigen Schulfächer ist, welches eindeutige Lösungen fordert, an Hand gelehrter Methoden rational erklärbar ist und sich durch regelmäßiges Üben festigt. Somit kann zumindest in der Schulmathematik jeder, auch untalentierte Schüler durch Üben und guten unterricht gute Ergebnisse erreichen.
Ich habe das Gefühl, dass Unterricht hier sehr frontal gestaltet wird, was die Schüler zwar aufnahmefähig formt, aber auch sehr abhängig von Lehrern/Authoritäten und wenig kreativ.
Durch fehlendes Methodentraining/- unterricht wird ihnen die Chance genommen, weitesgehend sich Wissen selbstständig und zielführend zu erarbeiten. Auf der anderen Seite haben sie neulich als Hausaufgabe eine Sachaufgabe zum Ausprobieren und Selbstlösen, allerdings ohne jegliche im Unterricht besprochenen Lösungsansätze, ähnliche Aufgaben oder Methoden zur Lösung. Zusätzlich war die Aufgabe nur mir Rechenhilfen (Taschenrechner) zu lösen, welche aber in der 5. Klasse noch nicht benutzt werden dürfen, was ja auch sinnvoll ist, um das Kopfrechenen zu fördern. Somit war die Aufgabe an und für sich für die Kinder nicht lösbar. Nachdem ich die Aufgabe gelöst habe und auch erklärt, wie man methodengerecht vorgeht (wofür ich jetzt allen meinen Mathelehrern dankbar bin), haben wir auch beim Lehrer in der Schule angerufen, mit der Antwort er wisse die Lösung und auch den Lösungsweg, will es den Kindern aber nicht lehren, weil sie es selber herausfinden sollen.
Das könnte man verlangen, wenn man vorher ihnen zeigt, z.B. durch ähnliche Aufgaben, wie so ein Problem zu lösen ist. So führt es aber nur langfristig zu Frustration und Ausprobieren fernab der Logik von Mathematik.
Das ist jetzt nur ein Beispiel, da Mathe das Problem am besten offenbart, aber auch in anderen Fächern zeigt sich für mich, dass Schülern nicht gezeigt wird, sich Lerninhalte zielführend und methodisch selbst erschließen zu können.
Das ist natürlich nur ein Bild von mir aus dem Bereich, wo ich arbeite. Vielleicht gibt es auch besser funktionierende Schulen in Rumänien, aber das sind meine Erfahrungen bzw. ähnliche derer, die direkt oder indirekt im Bildungssystem arbeiten. Ich denke ein großens Problem ist dabei auch die Bezahlung der Lehrer. Während in Deutschland Lehrern der Unterricht sowohl auch die Unterrichts Vor-/Nachbereitung finanziell angerechnet wird, bezieht sich hier der Lohn meist nur auf die reinen Unterrichtsstunden. Dann würde ich mich als Lehrer natürlich auch mehr oder eben weniger motiviert in den Unterricht setzten und meine übrige Zeit nicht unbezahlt dafür „verschwenden“ meinen Unterricht so zu gestalten, um möglichst vielen Schülern meine gelehrten Inhalte nahe zu bringen.
Ansonsten werde ich jetzt wieder bei schönem Wetter im Garten gebraucht bei der nachmittäglichen Spielpause und mir wurde schon angeboten wieder mit nach Sasca Montana zum Freizeitlager mitzukomm, wo ich ja ganz am Anfang des Jahres schon mit war. Da freue ich mich schon drauf und hoffe, dass ich da noch da bin.
Freizeitlich habe ich viel gemacht und habe viel vor noch.
Ich möcht mich aber kurz fassen. Mit Pater Joseph waren wir Ende April in Sibiu und in Alba Iulia. Alba Iulia war ein wichtiger Ort zu Zeiten der Befreiung Rumäniens von den Osmanen durch die Ungarn und der erstmaligen Einigung der drei rumänischen Fürstentümer und wird damit zumindest von rumänsciher Seite mit als Geburtsstadt des rumänischen Königreiches gesehen.
Außerdem haben wir mit einem der Brüder vom Kloster zuerst den Wallfahrtsort Maria Radna besichtigt, dessen ehemaliges Kloster und Kirche in den letzten Jahren renoviert wurde, außerdem ein Museum besitzt, in dem es hauptsächlich um die Geschichte Maria Radnas aber, auch ein wenig Rumäniens in seinen religiösen Anfängen und unter der Besetzung der Osmanen geht. Danach haben wir noch Arad besucht, die nächst größere Stadt und Landesstadt des benachbarten „Bundesland“/Landkeises.
Neben solchen Ausflügen erkunde ich jetzt am Wochenende meist die Umgebung Timisoaras mit dem Fahrrad. Zum Besipiel bin ich neulich an der Bega entlang, wo es ein sehr schön ausgebauten Radweg gibt, bis zur serbischen Grenze gefahren. Entlang des Kanals und auch sonst durch die sonst menschenleere Landschaft, ist das wirklich ein sehr angenehmer Radweg und lohnt sich grad Anfang Sommer, wenn es noch nicht zu heiß ist, zu erkunden. Trotzdem habe ich mir dabei den ersten Sonnenbrand diesen Jahres eingeholt. Weite Strecken entlang der serbischen Grenze sind für die Bega Naturschutzgebiet, was sehr sinnvoll ist. Am Radweg finden sich aller 5 oder 10 km eine Art Rastbänke bestehend aus Stahlträgern, betongegossenen Sitzflächen und Glaswindschutz. Das ist zwar gut gemeint, aber ist in solch menschenverlassen Gegenden, wo man aller 10 km ein Bauernhof antrifft, fehl am Platz und rechtfertigt für mich nicht den Projektpreis des Begaradweges von rund 2,3 Mio. Euro EU-Geldern. Dafür hätte ich mir eher Bildungsmaterial rund um das Naturschutzgebiet Bega gewünscht, z.B. Infotafeln zur Tier und Pflanzenbevölkerung, was ja auch viel größeren touristischen Reiz besitzt. Außerdem würde sich die Bega perfekt für Kanutensport/bzw. Touren anbieten insofern sie infrastrukturell dafür im Einklang mit der Natur eingerichtet werden würde. Das würde Platz bieten für Natur- und Wassertourismus und gleichzeitig Geld einbringen zur Erhaltung des Naturschutzgebietes. Sowas könnte sich auch ohne Probleme international durchstetzten. An dieser Stelle finde ich die europäischen und rumänischen Gelder ein wenig verschwendet und habe eher das Gefühl von Oberflächlichkeit und Geld verbauen, ohne dass sich jmd. mal die Mühe und Gedanken macht, Gelder sinnvoll und zukunftsorientiert zu investieren. Da macht sich für mich zumindest der Umgang mit Geld als kurzfristige und vor allem eigennützige Investitionsquelle bemerkbar. Für mich fehlt an dieser Stelle einfach Nachhaltigkeit und Allgemeinnutzen im Umgang mit Ressourcen.
Trotz allem werde ich meine Erkundungstouren mit dem Rad fortführen und insofern ich noch eine Begleitung finde, habe ich auch überlegt die rund 160km bis nach Belgrad mit dem Rad zu bestreiten, als Wochenends-, bzw. halbwöchigen Trip.
Letzte Woche fand das Gospelprojekt in Timisoara statt. Dirigiert von Dominic, auch einem ehemaligen Freiwilligen in Timisoara. Bei dem Projekt konnte sich jeder einschreiben. Wir hatten ab Freitag (vorletztes Wochenende) jeden Tag Probe und am Samstag/Sonntag letztes Wochenende Konzert in der Philharmonie Timisoara. Auch wenn es sehr anstrengend war und ich im Anschluss leicht krank war, hat es mir enorm viel Spaß gemacht mal wieder in einem Chor zu singen und auch wenn jeder mitsingen durfte, hat es mich erstaunt was für ein schönes Konzert aus der Vielfalt der Stimmen am Ende entstanden ist!
Die Bilder zu meinen Ausflügen oder dem Leben hier findet ich natürlcih wie immer auf der Bildrubrik dieses Blogs.
Wenn euch die Projekte der Caritas bzw. der PaterBernoStiftung gefallen, dann schaut doch auf ihren Webseiten nach oder ihr könnt auch über mich diese Projekte unterstützen. Die Infos findet ihr im Menü des Blogs.
Danke für euer Interesse und fleißiges Lesen!!!

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