Nicht mehr so lang!:(

Ein Abschied naht:
Langsam aber sicher wird mir und auch allen anderen hier immer bewusster kurze Zeit (2 Monate) wir eigentlich nur noch in Rumänien sind.
Der Alltag, der sich über die letzten Monate eingestellt hat und bei mir im Winter auch teilweise manchmal zu Eintönigkeit geführt hat, wird jetzt durch einige wichtige Fragen durchbrochen:
Was mache ich nach meiner Rückkehr in Deutschland?
Wie nutze ich hier meine verbleibende Zeit in den Projekten?
Was will ich hier in Timisoara, im Umkreis oder in Rumänien noch alles in meiner freien Zeit entdecken/machen?
Nachdem sich die Frage meiner postschulischen Zukunft in Deutschland mit dem Beginn des Freiwilligenjahres in Bedenkzeit auflöste und damit unklar im Raum stehen blieb, fand ich lange keine Antwort und befürchtete wieder nach Deutschland zu kommen um nach wie vor nicht zu wissen, wo hin mit mir. Durch den Kontakt zu einem sehr guten Schulfreund erfuhr ich dann vom Studiengang Holztechnik, da ich den aber gerne Dual studieren möchte, um auch Kenntnisse im Handwerk zu erlernen, muss ich jetzt noch ein Jahr Bewerbungszeit verbringen. Also gehe ich ab Sommer nach Leipzig um ein Vorstudium Design zu durchschreiten. Damit halte ich mir jetzt noch ein Jahr zwei Optionen offen, die ich gleichzeitig für mich ausprobieren kann. Damit wäre das Wohin nach dem Jahr ersteinmal beantwortet.
Wie die letzten 2 Monate in meinen Projekten nutzen?
Bei der Dame, die ich besuche, hat sich in letzter Zeit viel geändert! Sie war vor ungefähr 2 Monaten bei einem Arzt für einen Gesundheitcheck und hat nun endlich Gewissenheit über ihre vorherigen Vermutungen: Diabetis. Zusammen mit dem Arzt wurde daher der Ernährungsplan umgestellt und somit auch unsere wöchentliche Einkaufsrute. Wir fahren jetzt eigentlich immer zum nahgelegenen Markt um dort viel Gemüse und Obst zu holen, dann ab und zu Käse, viel Joghurt und ab und zu Fleisch, allerdings nur noch Geflügel, obwohl man auch ohne Diabetis den Verzehr von rotem Fleisch einschränken sollte.
Manchmal wird noch ein Abstecher zur Apothek oder zum Naturaliste (da gibt es Naturprodukte/Tee, Cremes, Öle, etc.) gemacht und auch den Friseur bei ihr um die Ecke kenn ich mittlerweile ganz gut.
Wenn ich sie jetzt besuchen komme, verkündet sie mir immer stolz, wie viel sie über die Woche mit ihrer Diät abgenommen hat und das sind ganz schön sportliche Zahlen. Vor allem merke ich es, wenn wir uns zum Einkaufen vorbereiten. Trotz der halbseitigen Lähmung ist sie beim Umziehen immer beweglicher und auch das Laufen bzw. das Ein- und Aussteigen aus dem Rollstuhl habe ich das Gefühl, geht mit der Zeit immer schneller und vor allem leichter von Statten.
Es verwundert mich immer, wie viel Kraft in dieser Frau steckt, dass ich sogar noch in den letzten Monaten mit ihr eine so starke Veränderung ihres körperlichen Zustandes miterlebe. Was mir neulich aufgelfallen ist, wie stark die Ausflüge mein Blick dafür geschärft haben, dadurch dass ich mit ihr ja immer im Rollstuhl unterwegs bin, ob man im öffentlichen Raum Menschen mit Gehproblemen die Chance zur Mobilität bietet oder eben nicht. Darüber hätte ich vor diesem Jahr gar nicht nachgedacht, da ich ja das Glück habe zwei gesunde Beine zu gebrauchen. Außerdem hat sich mein Fahrstil mit dem Rollstuhl auch geändert. Am Anfang denke ich, bin ich sehr sportlich gefahren, da man an sich, wie blöd das auch klingt ja nur einen Rollstuhl mit einer Person befördert. Dabei habe ich erst mit der Zeit gelernt, dass das Gefühl beim Fahren zwischen mir und Frau O. ein ganz anderes ist. Wenn wir zum Beispiel auf eine Kante zufahren schätze ich ab, ob wir mit gewissen Schwung drüberfahren können oder hängen bleiben und womöglich noch den Rollstuhl zum Kippen bringen könnten. Frau O. möchte aber generell solche solche Kanten rückwärts hochfahren. Das zeigt mir oft, wie unterschiedlich die vermeintlich gleiche Situation von zwei Menschen wahrgenommen werden kann. Dadurch dass ich der aktive Part bei der Kantenproblematik bin sinkt mein Risikogefühl, da ich Handlungsfähigkeit besitze und mich in einem Prozess befinde, in dem ich anpassungsfähig bin und im Fall des Blockierens oder Kippens flexibel bin. Da Frau O. aber im Rollstuhl sitzt, ist sie dem Gefühl der Hilflosigkeit ausgesetzt und sie entweder sicher ist oder aus dem Rollstuhl kippt. Damit überkommt sie natürlich viel schneller Panik, wenn wir frontal auf einen Bordstein zufahren.
Aber mittlerweile sind wir da ein ganz gut eingespieltes Team, weil sie ein gewisses Vertrauen in meine Fahrkünste hat und ich versuche nicht in meiner Sichtweise, aber in ihrer möglichst sicher zu fahren.
Wo das Wetter jetzt besser ist gehen wir neben dem Einkaufen oft spazieren bzw. ein Eis essen.
In Periam dachte ich zuerst am Nachmittag meinerseits ein wenig Deutschvorbereitung zu gestalten, da wurde ich jetzt aber eher im Bereich Mathe gebraucht. Grade in den größeren Klassen zeichnet sich für mich ein gewisses Bild des rumänischen Bildungssystems ab. Ich denke nicht, dass die Schüler hier sehr selbstständig denkend und methodenunterstützt im Unterricht vorbereitet werden. Gerade in Mathematik lässt sich das feststellen, da es eines der wenigen Schulfächer ist, welches eindeutige Lösungen fordert, an Hand gelehrter Methoden rational erklärbar ist und sich durch regelmäßiges Üben festigt. Somit kann zumindest in der Schulmathematik jeder, auch untalentierte Schüler durch Üben und guten unterricht gute Ergebnisse erreichen.
Ich habe das Gefühl, dass Unterricht hier sehr frontal gestaltet wird, was die Schüler zwar aufnahmefähig formt, aber auch sehr abhängig von Lehrern/Authoritäten und wenig kreativ.
Durch fehlendes Methodentraining/- unterricht wird ihnen die Chance genommen, weitesgehend sich Wissen selbstständig und zielführend zu erarbeiten. Auf der anderen Seite haben sie neulich als Hausaufgabe eine Sachaufgabe zum Ausprobieren und Selbstlösen, allerdings ohne jegliche im Unterricht besprochenen Lösungsansätze, ähnliche Aufgaben oder Methoden zur Lösung. Zusätzlich war die Aufgabe nur mir Rechenhilfen (Taschenrechner) zu lösen, welche aber in der 5. Klasse noch nicht benutzt werden dürfen, was ja auch sinnvoll ist, um das Kopfrechenen zu fördern. Somit war die Aufgabe an und für sich für die Kinder nicht lösbar. Nachdem ich die Aufgabe gelöst habe und auch erklärt, wie man methodengerecht vorgeht (wofür ich jetzt allen meinen Mathelehrern dankbar bin), haben wir auch beim Lehrer in der Schule angerufen, mit der Antwort er wisse die Lösung und auch den Lösungsweg, will es den Kindern aber nicht lehren, weil sie es selber herausfinden sollen.
Das könnte man verlangen, wenn man vorher ihnen zeigt, z.B. durch ähnliche Aufgaben, wie so ein Problem zu lösen ist. So führt es aber nur langfristig zu Frustration und Ausprobieren fernab der Logik von Mathematik.
Das ist jetzt nur ein Beispiel, da Mathe das Problem am besten offenbart, aber auch in anderen Fächern zeigt sich für mich, dass Schülern nicht gezeigt wird, sich Lerninhalte zielführend und methodisch selbst erschließen zu können.
Das ist natürlich nur ein Bild von mir aus dem Bereich, wo ich arbeite. Vielleicht gibt es auch besser funktionierende Schulen in Rumänien, aber das sind meine Erfahrungen bzw. ähnliche derer, die direkt oder indirekt im Bildungssystem arbeiten. Ich denke ein großens Problem ist dabei auch die Bezahlung der Lehrer. Während in Deutschland Lehrern der Unterricht sowohl auch die Unterrichts Vor-/Nachbereitung finanziell angerechnet wird, bezieht sich hier der Lohn meist nur auf die reinen Unterrichtsstunden. Dann würde ich mich als Lehrer natürlich auch mehr oder eben weniger motiviert in den Unterricht setzten und meine übrige Zeit nicht unbezahlt dafür „verschwenden“ meinen Unterricht so zu gestalten, um möglichst vielen Schülern meine gelehrten Inhalte nahe zu bringen.
Ansonsten werde ich jetzt wieder bei schönem Wetter im Garten gebraucht bei der nachmittäglichen Spielpause und mir wurde schon angeboten wieder mit nach Sasca Montana zum Freizeitlager mitzukomm, wo ich ja ganz am Anfang des Jahres schon mit war. Da freue ich mich schon drauf und hoffe, dass ich da noch da bin.
Freizeitlich habe ich viel gemacht und habe viel vor noch.
Ich möcht mich aber kurz fassen. Mit Pater Joseph waren wir Ende April in Sibiu und in Alba Iulia. Alba Iulia war ein wichtiger Ort zu Zeiten der Befreiung Rumäniens von den Osmanen durch die Ungarn und der erstmaligen Einigung der drei rumänischen Fürstentümer und wird damit zumindest von rumänsciher Seite mit als Geburtsstadt des rumänischen Königreiches gesehen.
Außerdem haben wir mit einem der Brüder vom Kloster zuerst den Wallfahrtsort Maria Radna besichtigt, dessen ehemaliges Kloster und Kirche in den letzten Jahren renoviert wurde, außerdem ein Museum besitzt, in dem es hauptsächlich um die Geschichte Maria Radnas aber, auch ein wenig Rumäniens in seinen religiösen Anfängen und unter der Besetzung der Osmanen geht. Danach haben wir noch Arad besucht, die nächst größere Stadt und Landesstadt des benachbarten „Bundesland“/Landkeises.
Neben solchen Ausflügen erkunde ich jetzt am Wochenende meist die Umgebung Timisoaras mit dem Fahrrad. Zum Besipiel bin ich neulich an der Bega entlang, wo es ein sehr schön ausgebauten Radweg gibt, bis zur serbischen Grenze gefahren. Entlang des Kanals und auch sonst durch die sonst menschenleere Landschaft, ist das wirklich ein sehr angenehmer Radweg und lohnt sich grad Anfang Sommer, wenn es noch nicht zu heiß ist, zu erkunden. Trotzdem habe ich mir dabei den ersten Sonnenbrand diesen Jahres eingeholt. Weite Strecken entlang der serbischen Grenze sind für die Bega Naturschutzgebiet, was sehr sinnvoll ist. Am Radweg finden sich aller 5 oder 10 km eine Art Rastbänke bestehend aus Stahlträgern, betongegossenen Sitzflächen und Glaswindschutz. Das ist zwar gut gemeint, aber ist in solch menschenverlassen Gegenden, wo man aller 10 km ein Bauernhof antrifft, fehl am Platz und rechtfertigt für mich nicht den Projektpreis des Begaradweges von rund 2,3 Mio. Euro EU-Geldern. Dafür hätte ich mir eher Bildungsmaterial rund um das Naturschutzgebiet Bega gewünscht, z.B. Infotafeln zur Tier und Pflanzenbevölkerung, was ja auch viel größeren touristischen Reiz besitzt. Außerdem würde sich die Bega perfekt für Kanutensport/bzw. Touren anbieten insofern sie infrastrukturell dafür im Einklang mit der Natur eingerichtet werden würde. Das würde Platz bieten für Natur- und Wassertourismus und gleichzeitig Geld einbringen zur Erhaltung des Naturschutzgebietes. Sowas könnte sich auch ohne Probleme international durchstetzten. An dieser Stelle finde ich die europäischen und rumänischen Gelder ein wenig verschwendet und habe eher das Gefühl von Oberflächlichkeit und Geld verbauen, ohne dass sich jmd. mal die Mühe und Gedanken macht, Gelder sinnvoll und zukunftsorientiert zu investieren. Da macht sich für mich zumindest der Umgang mit Geld als kurzfristige und vor allem eigennützige Investitionsquelle bemerkbar. Für mich fehlt an dieser Stelle einfach Nachhaltigkeit und Allgemeinnutzen im Umgang mit Ressourcen.
Trotz allem werde ich meine Erkundungstouren mit dem Rad fortführen und insofern ich noch eine Begleitung finde, habe ich auch überlegt die rund 160km bis nach Belgrad mit dem Rad zu bestreiten, als Wochenends-, bzw. halbwöchigen Trip.
Letzte Woche fand das Gospelprojekt in Timisoara statt. Dirigiert von Dominic, auch einem ehemaligen Freiwilligen in Timisoara. Bei dem Projekt konnte sich jeder einschreiben. Wir hatten ab Freitag (vorletztes Wochenende) jeden Tag Probe und am Samstag/Sonntag letztes Wochenende Konzert in der Philharmonie Timisoara. Auch wenn es sehr anstrengend war und ich im Anschluss leicht krank war, hat es mir enorm viel Spaß gemacht mal wieder in einem Chor zu singen und auch wenn jeder mitsingen durfte, hat es mich erstaunt was für ein schönes Konzert aus der Vielfalt der Stimmen am Ende entstanden ist!
Die Bilder zu meinen Ausflügen oder dem Leben hier findet ich natürlcih wie immer auf der Bildrubrik dieses Blogs.
Wenn euch die Projekte der Caritas bzw. der PaterBernoStiftung gefallen, dann schaut doch auf ihren Webseiten nach oder ihr könnt auch über mich diese Projekte unterstützen. Die Infos findet ihr im Menü des Blogs.
Danke für euer Interesse und fleißiges Lesen!!!

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Der Frühling kommt

So langsam steigern sich die Temperaturen und somit auch meine Laune. Die ersten Kirschbäume blühen schon in herrlichem weiß und wenn ich aufs Land herausfahre mit dem Zug, sehe ich saftig grüne Wiesen, auf denen die Schafshirten ihre Herden weiden lassen. Ihre Hunde laufen nun wieder bellend dem Zug hinterher. Auch die Timisoara erwacht wieder zum Leben. Früh zwitschern die Vögel und gurren die Tauben und die Bäume erblühen langsam im grün. Manche Vorgärten der Leute erwachen in kleinen Beeten zu neuem Leben. Der Winter ist nun endlich vertrieben und ich merke je mehr die Umwelt an Farbe gewinnt und länger die Sonne scheint desto mehr Lebensenergie kann ich aus dem Tag schöpfen.

Vor einer Woche haben wir in unserer WG einen Neujahrsputz gemacht und die Balkone und deren Türen/Fenster auf Vordermann gebracht. Auf meinem Balkon an meinem Zimmer habe ichs endlich geschafft mal alle Töpfe, in denen die Pflanzen über den Winter weggestorben sind, neu zu bepflanzen.
Bei den kleinen Kindern, die Vormittags kommen, sitz das kleine 1×1 nun fast schon bei allen sicher und auch das Dividieren wird fleißig geübt.
Einer der Köchinnen ist vor drei Wochen nach England gegangen, da sie, soweit ichs verstanden habe, dort Arbeit gefunden hat.
Die ältesten Jugendlichen stehen zur Zeit vor ihren Examen und Abschlußprüfungen und in den Fremdsprachen scheint es nicht so recht zu gelingen. Was mir aber schon öfters aufgefallen ist, wenn ich bei Deutsch oder Englischhausaufgaben helfe, dass die Anforderungen für das Sprachniveau der Kinder viel zu hoch angesetzt sind. Auf der anderen Seite kann ich nicht einschätzen wie qualifiziert der Unterrichtsstoff in der Schule übermittelt wird.
Aber auch einer der Erzieher hat mir gesagt, dass das rumänische Bacalaureat(Abitur) nach sehr hohen Maßstäben gemessen wird und aber die Schüler im Unterricht nicht immer gut darauf vorbereitet werden.

Im Nachtasyl ist soweit alles beim Alten. Über die Familien habe ich nun erfahren, dass sie zur Zeit noch im Frauenhaus sind. Der Aufenthalt dort ist aber auf 3 Monate beschränkt, da es nur eine Pufferzone darstellen soll, bis eine neue Wohnung und Arbeit gefunden ist. Eigentlich ist dies auch die Regel oder die Idee des Nachtasyl, aber wie schon in den Berichten zuvor erklärt, ist es nicht einfach als Obdachloser in Rumänien einen sicheren Job und Wohnung zu finden. Natürlich gibt es auch Leute für die das Nachtasyl eine bequeme Lösung ist und deswegen viele auch nicht den Mut oder die Kraft finden in ein geregeltes Leben zurückzufinden. Oder sie sind schon auf der Straße aufgewachsen und kennen daher gar nich ein geregeltes Leben.
Auf jeden Fall haben zwei der Familien im Frauenhaus jetzt erstmal eine Wohnung und Arbeit in Aussicht, was sich dann wahrscheinlich in einem Monat entscheiden wird.

Mit meinem Besuchdienst kann ich jetzt wegen dem guten Wetter auch wieder gemeinsam mit ihr Einkaufen geht, weswegen wir jetzt wieder immer den Rollstuhl auspacken und sie an die frische Luft und generell mal rauskommt. Heute habe ich die 26° Grad und die Sonne genutzt um mit ihr nach dem einkaufen einen kleinen Umweg zu ihr nach Hause zu nehmen um das schöne Wetter genießen zu können.
Wir fahren dann immer auf der Straße und sie nennt ihren Rollstuhl ihre eigene Limousine.

Woher…Wohin?

Nur noch 6 Monate oder 6 Monate schon vorbei?

Ich habe die Hälfte meines Jahres hier in Rumänien nun hinter mir und während ich am Anfang eher drauf los gearbeitet habe und mich von Neuem überraschen lassen habe, kommen mir jetzt die ersten Fragen über den Charakter meines Einsatzjahres. Dadurch, dass die Zeit hier für mich so wahnsinnig schnell verstreicht, mache ich vor allem Gedanken über den Sinn meines Wirkens oder was ich vielleicht noch erreichen will. Vor allem dadurch, dass eben die 6 Monate so schnell vergangen sind und ich mich zwar schnell eingearbeitet habe, aber sich seitdem nicht wirklich viel verändert hat, habe ich doch schon das Gefühl mittlerweile, entweder ich müsse noch viel mehr machen oder meine Arbeit wäre nicht wirklich von Nutzen.

Und in diese Phase ist zu Glück das Zwischenseminar für die Osteuropäischen Freiwilligen gefallen (an dem übrigens nicht nur JesuitVolunteers teilnehmen).

Neben dem Erfahrungsaustausch zwischen den Freiwilligen aus verschiedenen Ländern und

Projekten, haben wir vor allem Rückblick, gegenwärtige Situation und Ausblick in unterschiedlichen Formen thematisiert. Dies hat mir zu erst einmal geholfen aus dem vorher bestehenden Gefühl für mich daraus konkrete Fragen zu formulieren und meine bisherige Zeit und Arbeit ausführlich zu reflektieren. Genau hierbei bin ich auf gewisse Fragen gestoßen.

Was habe ich bisher schon erlebt, sei es auf Arbeit oder im privaten Umfeld?

Inwiefern konnte ich mich in meinen Projekten einbringen und was habe ich außerhalb dessen getan?

Wie möchte ich weitermachen?

Habe ich konkrete Ziele vor Augen?

Kann ich überhaupt etwas zusätzliches oder Außergewöhnliches auf meiner Arbeit erreichen oder unterschätzte ich einfach die Hilfe, die ich bisher angeboten habe?

Wer meinen letzten Blogeintrag gelesen hat, hat wahrscheinlich schon herauslesen können, dass sich in letzter Zeit nicht wirklich viel auf meiner Arbeit, vor allem in der Kindertagesstätte geändert hat. Und gerade da treffen die Fragen zu. Am Anfang dachte ich wahrscheinlich, dass wenn ich die Sprache mit der Zeit erlerne, auch mein Aufgabenbereich wesentlich größer wird. Natürlich wurde mir auch immer mehr anvertraut, vor allem was den Unterricht in Mathe betrifft. Trotzdem haben die Kinder das Glück, dass sie in der Tagesstätte ein Projekt haben, was meiner Meinung unglaublich gut organisiert ist und mit viel Liebe geführt wird. Daher gleicht zum Beispiel die Atmosphäre während des Unterrichts, annähernd derer, die ich aus meinen Grundschulzeiten kenne, auch wenn Erziehung und Bildung in Rumänien natürlich anders konzipiert sind.

Davon war ich natürlich schon am Anfang positiv überrascht und auch für die Kinder bedeutet es viel Perspektive. Es heißt, aber auch für mich, dass meine Hilfe meistens gebraucht wird um die Betreuer ein wenig zu entlasten und nicht um das Projekt noch weiter voranzubringen und die Lage wesentlich zu verbessern. Auf der anderen Seite frag ich mich dann natürlich auch, ob das überhaupt das Ziel in so einem Jahr sein kann und ich da nicht einer Utopie unterliege. Kann ich überhaupt zu einer tragenden Säule für das Projekt werden, oder ist das nicht sogar gefährlich eine solche Abhängigkeit zu erzeugen, denn es muss ja auch nach dem Jahr weiter funktionieren auch ohne meine Hilfe?

Und da hat mir das Seminar sehr geholfen, der Austausch mit Leuten in vielleicht genau der selben Situation. Mitte des Seminars, als wir über die Gegenwärtige Situation nachgedacht haben, kam dazu eine Methode zum Einsatz die das unterstützt. Sie besteht aus drei Schritten. Zu erst formuliert jemand aus der Gruppe einen Problemfall. Das kann ein reales Problem, eine Frage oder einfach eine Situation sein, die uns beschäftigt. Die Gruppe darf zum Fall Rückfragen stellen, um mögliche Hintergründe oder Nebeninformationen zu erfahren. Dann wird dies unter Ausschluss des Fragendes in der Gruppe analysiert, ohne direkte Lösungsschläge zu formulieren. Hier geht es vor allem darum die Sichtweise der anderen einzufangen. Fragen sind: Wie geht es dem Fragestellenden in der Situation, wie denen auf die es sich bezieht, mit denen er dies erlebt?

Darauf darf der Fragende nun die Gespräche der Gruppe kommentieren. Was sieht er vielleicht genauso, wo will er widersprechen oder noch eine andere Sichtweise einfließen lassen. Anschließend wird nach Lösungsvorschlägen gesucht. Der Fragende darf am Ende das Thema schließen.

Ich möchte jetzt nicht über konkrete Inhalte dieser Gespräche sprechen, da die Methode vor allem einen intimen Raum schaffen möchte in denen man auch über private Themen sprechen kann.

Aber was meine Fragen jetzt angeht, kann ich sagen, dass mir die Methode und die Gedanken jedes einzelnen in meiner Gruppe sehr weitergeholfen haben.

Das Seminar hat mir gezeigt, dass ich auch die kleinen Dinge, wo ich helfe schon sehr dankbar entgegengenommen werden und manchmal gar nicht Berge versetzt werden müssen, um ein erfolgreichen Einsatz zu gestalten. Auf der anderen Seite kann ich vielleicht auch noch lernen, mich nicht mit einer guten Lage zurechtzufinden (wie in Periam), sondern vielleicht auch da mein Tatendrang zu signalisieren und meinen Blick für die kleinen Dinge zu sensibilisieren, um im Kleinen dann meine Energie und Hilfe einbringen und so dem Einsatz einen weiteren Sinn zu geben.

Auf ein Neues!

Willkommen 2016!

Ich hoffe ihr seid alle wohl behalten ins neue Jahr gestartet; ich selber habe Sylvester mal anders erlebt. Wie auch zu Weihnachten schon verlief mein Begrüßen des neuen Jahres sehr ruhig. Das lag natürlich daran, dass ich nicht großartig feiern war und vor allem nicht tausende von Freunden in meiner Nähe waren, die über die Weiten einer Großstadt verstreut sind und man von Feier zu Feier hastet und letztendlich 00:00 Uhr verpasst oder dieser Moment im Lärm und Lichtspektakel der Feuerwerksattraktionen untergeht. Ich war zur Neujahrsnacht/-morgen in der JV-WG und habe 2016 mal etwas ruhig und entspannt empfangen. Auf Grund des Brandkatastrophe im bukarester Club Colectiv anfang November 2015 und der dabei entstandenen Massenpanik, aber auch zahlreicher Unfälle zu Neujahr durch Missbrauch von Feuerwerkskörper in den letzten Jahren, war der private Gebrauch dieser größtenteils untersagt und wurde auch, bis auf paar Ausnahmen eingehalten. Somit gab es nur die offiziellen Feuerwerksshows von der Stadt, Hotels, etc. Nach 00:20 Uhr war dann auch schon Ruhe in die Stadt eingekehrt und man konnte die ersten Stunden des neuen Jahres entspannt genießen. Auch mal interessant ein Sylvester so zu erleben.

Ansonsten hat sich nicht viel verändert in letzter Zeit.

Seit kurzem ist es in Rumänien vorgeschrieben, dass in Sozialinstitutionen Kinder nicht zusammen mit Erwachsenen beherbergt werden dürfen. Das halt leider zur Folge, dass für die Familien mit Kinder im Nachtasyl langsam ein neuer Platz gefunden werden muss. Das ist natürlich nicht so einfach und ich weiß auch nicht, ob dafür schon eine Lösung in Aussicht steht.

In Periam lerne ich mit den Kleinen jetzt seit längerem schon das kleine 1×1. Das erfordert natürlich sehr viel Geduld, da bei vielen noch ein Verständnis für Zahlengrößen/-gruppen und -abständen fehlt und das 1×1 erst einmal einfach auswendig gelernt werden muss. Dass braucht viel Zeit, da wir oft nur die 3h pro Tag im Zentrum dafür haben und die Kinder aber zu Hause nicht regelmäßig üben und Lerntechniken, wie vor dem Einschlafen wiederholen wegfallen. Dadurch fällt es ihnen natürlich sehr schwer, aber Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut.

In dem Sinne möchte ich diesen Bericht schließen.

Übrigens habe ich es endlich geschafft, die bisher entstandenen Bilder hochzuladen

.

Schaut einfach unter Bilder vorbei!!!

Weihnachten?!

Und plötzlich ist Weihnachten…

Es ist Dezember geworden, ein lauer Dezember mit kahlen Bäumen und grünen Wiesen, die einfach nicht in dieses Bild passen wollen. Wenn ich mit dem Zug auf Arbeit fahre, erinnert die Landschaft, die ich dabei quere an Herbst. An Winter nicht zu denken.

Wie fremd klingt es dann, wenn von Weihnachten gesprochen wird. Weihnachten…aus der Küche duftet es nach frischem Gebäck, Garten und Haus werden mit Weihnachtsschmuck verschönert, überallher tönen die Melodien traditioneller oder moderner Weihnachtsmusik. So zumindest stellen sich denke ich viele von diese festliche Zeit vor.

Bei mir hat Weihnachten dieses Jahr aber jenes festliche Gewand abgelegt und sich nur ganz leise sich mir angekündigt. Mit ein paar Lichterketten (darauf der Gruß „la multi ani“), Weihnachtsmännern und seltenen Tönen, der hier traditionellen Weihnachtslieder (colinda) schien es, mich erinnern zu wollen, dass es Einzug in die Häuser und Familien gehalten hat. Das Stadtbild gleicht größtenteils dem vor einem Monat.

Doch auch fernab von einem festlichen und westlich mehr oder weniger kommerzialisiertem Volkssport, finde ich hier den Geist von Weihnachten. Die Kinder in Periam konnten sich über einen Weihnachtsbaum freuen und verfassten kleine bemalte Wunschzettel für den Weihnachtsmann. Letzte Woche wurden sie dann nach einem Weihnachtsessen mit einem schön verpackten Geschenk in die Ferien entlassen. Vorher wurden natürlich erstmal alle gelernten Weihnachtslieder gesungen und einige trugen Gedichte vor. Die Geschenke waren Spenden aus Deutschland/Österreich, wobei man merkt, dass manche auch einfach nur ihren Müll spenden (unnütze Werbegeschenke) oder gar nicht richtig nachdenken, beim Spenden (Pixiebücher auf Deutsch ). Trotzdem haben sich alle Kinder sehr gefreut und Spielsachen, die nicht passten wurden einfach untereinander getauscht. Abschliesend bekam jeder noch ein großes Stück traditionellen Mohnkuchen und Süßigkeiten.

In der Suppenküche dürfen sich alle, die kommen seit zwei Wochen immer über mindestens ein großen Sack voller Teigwaren freuen, aus dem jeder soviel nehmen kann, wie er will oder tragen kann.

In der Stadt gibt es einen Weihnachtsmarkt, ähnlich wie in Deutschland, allerdings nicht bei weitem so überrannt. Es gibt Stände mit traditioneller Kunst oder Wintermode und natürlich dürfen auch die Glühwein und Essstände nicht fehlen. Insgesamt herrscht aber ein deutlich ruhigeres und originelleres Klima, als ich es von ähnlichen Märkten zu Hause in Dresden, aber auch ander Orts in Deutschland gewöhnt bin.

Generell kann hier von Weihnachtsstress nicht die Rede sein. Und ich denke, wenn Leute in Deutschland von diesem Stress reden, dann nur, weil sie aus jedem Lautsprecher und von jedem Plakat unter die Nase gerieben bekommen, dass sie unbedingt noch den Schmuck und die Geschenke einkaufen müssen und noch das besorgen müssen für das perfekte Weihnachten. Allgemein finde ich, dass man sich zu Weihnachten immer viel zu sehr damit stresst, möglichst viel Termine einzuplanen, sei es der übermäßige Konsum von vermeindlich für Weihnachten Verplichtendem oder die Organisation von Weihnachtsfeiern, etc. … und bei all dieser Reizüberflutung im Dezember, geht für mich meisten der eigentliche Sinn für Weihnachten verloren: das wichtigste zu Weihnachten kann nicht gekauft oder organisiert werden. Das wichtigste ist Liebe, Liebe für die Menschen (ALLE Menschen) und die müsst ihr einfach nur zeigen und leben. Das ist doch eigentlich Weihnachten.

Weihnachten an sich werde ich dann im Kloster feiern. Wir sind eingeladen zur Weihnachtsvesper, anschliesend Essen und dann Christmette. Es wird sicherlich spannend mal ganz anders und mit den Brüdern und Schwestern Weihnachten zu feiern.

Es werden demnächst auch eine Reihe von Bildern folgen, die ich bisher gemacht habe, sobald ich das Problem mit meinem Verbindungskabel gefixed habe.

Ich wünsche allen eine fröhliches und besinnliches Fest der Liebe und natürlich schöne Feiertage.

La multi ani!!!

 

 

Erster Einblick

Also liebe Leser es wird langsam wirklich Zeit, dass ihr mal von mir hört.

Ich werde euch jetzt folgend am besten meinen Zwischenbericht für meine Organisation reinpacken, da er sehr ausführlich ist und die letzten 3 Monate sehr gut beschreibt.

Also viel Spaß beim Lesen:

(schreckt bitte nicht vor der Länge zurück, demnächst werden kürzere Berichte folgen. Ich wünsche euch viel Spaß beim lesen. Bilder folgen bald)

Bericht aus Rumänien

Ich denke ich habe mich hier soweit gut eingelebt. Auf der Arbeit, aber auch sonst im Alltag finde ich mich immer besser zurecht. Meine Ankunft hat sich hier erstaunlich angenehm gestaltet, was sicher daran liegt, dass ich schon viele Erfahrungen mit Osteuropa gemacht habe, aber vor allem daran, dass man sehr herzlich im Kloster aufgenommen wurde. Außerdem sind die Brüder sehr jung, was den Kontakt grad zu uns Jugendlichen erleichtert. So wurde zumindest ich schon in der ersten Woche vertraut mit der Stadt. Zudem kam die gute Einführung in wichtige Örtlichkeiten, Arbeit und Wohnung durch die alten JV’s. Hinzukommt, dass Timisoara eine sehr kulturell- sowie kulturvielfältige Stadt ist, was heißt, dass sowohl auf der Arbeit als auch im gewöhnlichen Alltag beim Einkaufen, etc. sehr viele hier Deutsch und auch Englisch und viele andere westeuropäische Sprachen brüchig bis teilweise sehr gut sprechen. Das kommt meistens aus familiären Hintergrund (österreich-ungarische Zeit, Donauschwaben, Siebenbürgensachsen) oder auch weil viele hier nach Westeuropa arbeiten gehen, da der Lohn um einiges höher ist und man zusätzlich Geld zur Familie nach Rumänien schicken kann. Weil viele den Wunsch haben in Deutschland zu arbeiten, da sie die „Gerechtigkeit“ des Staates und die Arbeitsweise und „Ehrlichkeit“ der Deutschen schätzen, wird man hier auch sehr freundlich empfangen und die Leute freuen sich, ihre Deutschkenntnisse präsentieren zu können und ihr Wissen über Deutschland. Das hilft am Anfang enorm für den Einstieg, erfordert aber umso mehr den Mut, später Rumänischkenntnisse einzusetzen. Im Gegenzug können viele nicht verstehen und fragen auch immer: „Warum gerade Rumänien?“. Es erfordert sehr viel Geduld den Leuten zu erklären und zu zeigen, warum man deutschen Luxus hinter sich lässt und in ein Land wie Rumänien fährt, um sich mit anderen Lebensweisen und -verhältnissen auseinanderzusetzen, zwischen Kulturen zu vermitteln und vor allem natürlich zu helfen, bzw. anderen seine Zeit zu schenken.

Da wir grad beim Thema deutscher Luxus, Geld und Einkommen angekommen sind, möchte ich darüber ein paar Worte verlieren, weil dies sehr wichtig ist. Der ungefähre Mindestlohn tendiert zwischen 100-200 Euro auf dem Land und 200-500 Euro in der Stadt. Das ist nur ein bisschen mehr als mein Taschen- und Verpflegungsgeld zusammen. Allerdings ist mein Geld komplett nur für Essenskosten und zusätzlichen „Luxus“. Ich sage aus gutem Grund Luxus. Ich möchte einen Vergleich anstellen. Ein rumänischer Bekannter bekommt pro Monat rund 220 Euro, ein normaler Lohn in der Stadt. Die Wohnungsmiete kostet 180 Euro. Von den gebliebenen 40 Euro muss die Hälfte für Strom, Gas und Wasser eingeplant werden. Es bleiben also 20 Euro zum Leben, wobei im Supermarkt die Preise deutschlandgemäß sind. Deswegen spreche ich von Luxus, wenn ich mir eine für unsere Verhältnisse billige Haarschneidemaschine für 20 Euro kaufen kann.

Das ist auch das, was mir am meisten auffällt, aber was die Leute aus meiner Arbeit auch selber sagen. Die Preise sind stark gestiegen in den letzten Jahren, auch auf Grund des EU-Anschluss, aber an der Lebenssituation hat sich wenig geändert. Grad bei meiner Arbeit mit den „Obdachlosen“ erfahre ich das fehlende Vertrauen ins eigene Land und in ihre Zukunft in Rumänien. Viele von ihnen gehen auch arbeiten, meistens geduldete Schwarzarbeit, Tagesjobs, wo sie am Tag 20/30 Lei verdienen. Das sind umgerechnet 5-8 Euro, was grad für Essen auf der Arbeit reicht. Vieles in diesem Land, sei es Teile der Regierung, des Staates allgemein´oder sonstigen Institutionen, wird hier mit versteckter Korruption und Schmiererei gelöst und das in einem europäischen Land. Verständlich das viele im Anschluss eher einen Anstieg der Lebenskosten sehen, doch eine wirklich Unterstützung oder Veränderung im Land ist hier nicht zu spüren.

Viele träumen deswegen, von einer Arbeitsmöglichkeit im Ausland. Eltern müssen ihre Kinder bei ihren Großeltern zurücklassen um meistens in Italien/Spanien, aber meistens am liebsten in Deutschland ihr Glück zu finden. Ich finde diesen Umstand ehrlich gesagt sehr bizarr. Menschen müssen Familie und Heimat verlassen um bei uns zu arbeiten, damit sie und ihre Familie richtig leben können. Das heißt nämlich auch EU.

Wenn mich Leute hier fragen, ob es mir hier gefällt hier in Rumänien, kann ich immer nur antworten: „Das Land, die Menschen, die Arbeitsweise und vor allem die Lebensweise; alles das gefällt mir hier sehr gut und passt auch zu mir, aber bedenkenlos kann ich das nur durch die vor allem finanzielle Absicherung durch die Jesuiten genießen. Wenn ich hier vollwertig leben würde, muss ich schauen, wie ich über die Runden komme“.

Und gerade deswegen ist es auch so wichtig sich mit Osteuropa zu beschäftigen, da es eigentlich vor unserer Haustür liegt und wir doch so wenig wissen über Land, Lebensweise und die Menschen, die dort leben. Aber es betrifft uns viel mehr als wir denken, auf Grund der zuvor aufgezeigten Zustände.

Und damit komme ich zu meiner „Arbeit“, obwohl ich es eigentlich nicht so nennen würde, da das im allgemein deutschen Sprachgebrauch meisten mit Begriffen, wie Leistung, Leistungsentlohnung, Geld, Zwang, Druck, konkret, effektiv, zielorientiert assoziiert werden würde.

Ich sage oft, ich arbeite nicht, ich schenke Zeit und das ist meistens das wichtigste in sozialer Arbeit, vor allem im Ausland. Die Erfahrung, die ich bis jetzt in Rumänien gemacht habe/mache, ist, dass am Anfang (und das berichten auch andere, die im Freiwilligeneinsatz sind) sich die Projektpartner/ oder auch der Besuchsdienst meistens nicht trauen, einem Aufgaben zuzuteilen, aber nicht auf Grund der fehlenden Sprachkenntnisse oder der eigenen Unfähigkeit, sondern viel mehr, weil sie denken, dass sie den Freiwilligen belasten. Sie können halt meistens nicht verstehen, warum wir ein Land wie Deutschland verlassen, um nach Rumänien zu kommen. Deswegen kann man am Anfang meistens erst mal nur zuschauen, zeigen, dass man Zeit hat und halt von selbst abschätzen, wo man mit anpacken kann. Und das war bei mir sehr hilfreich, dass ich einfach von selbst dann mitgeholfen habe z.B. in Periam mal beim Garage räumen, oder bei Hausaufgaben und mit der Zeit, wo jetzt auch die Sprache besser wird, werden mir dann auch mehr Aufgaben anvertraut.

Ich mache jetzt meistens Mathe-, Englisch- und vor allem Deutschhausaufgaben mit den Kindern oder lerne mit ihnen Rumänisch schreiben und lesen. Grad meine Arbeit mit den kleinen Kindern (also 1. Klasse) hat mir enorm geholfen, schnell die Grundlagen von rumänisch zu lernen und hilft mir immer noch, weil ich praktisch mit ihnen zusammen lerne. Außerdem wird mir jetzt auch langsam das Hinbringen und Abholen der Kinder Mittags von der Schule zugetraut, was ich sehr schön finde, weil das immer die Zeit ist um mit den Kleinen mal so zu reden oder bisschen Spaß halt außerhalb der Schule zu erleben. Generell bereitet mir die Arbeit mit Kindern sehr viel Freude und ich schenke ihnen immer gerne meine Aufmerksamkeit und Zeit, auch wenn es mal anstrengend wird.

Bei meinem Besuchsdienst treffe ich mich für ein paar Stunden mit einer älteren Dame. Sie ist leider halbseitig gelähmt und deswegen mache ich mit ihr im Rollstuhl meistens die Einkäufe für die Woche, wobei sie auch gleichzeitig an die frische Luft kommt, was ihr sehr gut tut, wie sie meint. Sie ist eine sehr lebendige und lustige/fröhliche Frau und redet eigentlich die meiste Zeit, was aber nicht schlimm ist, da sie sich oft an ihre Jugend erinnert. Und auch, wenn ich nicht immer alles verstehe, ist das wichtigste, denke ich, dass sie sich erinnert und das mit jemandem teilen kann, da sie sonst sehr oft einsam ist.

Ich habe oft was zu lachen, nicht weil ich ihre Späße immer verstehe, aber weil sie ansteckt, mit ihrer Art und Weise Lebensfreude zu zeigen. Obwohl sie nur sehr wenige Worte deutsch kann, funktioniert die Verständigung eigentlich immer ganz gut, vieles muss man halt in einer Fremdsprache auch einfach ausprobieren.

Im Nachtasyl habe ich keine wirkliche Beschäftigung, da Essen, Putzen etc. von den Bewohnern selbst organisiert wird. Eigentlich ist das wichtigste, dass ich komme und den Leuten meine Zeit und mein Gehör schenke. Viele fragen mich immer wieder, wieso ich zu ihnen komme und nicht einfach zu Hause bleibe. Sie verstehen nicht, dass mir das Treffen mit ihnen Spaß macht und dass ich mich freue, hier in Rumänien zu sein, aber sie freuen sich zumindest, wenn ich komme. Viele bezeichnen mich als ihr Freund, obwohl Freundschaft hier, wie ich gelernt habe, anders zu begreifen ist. Man kann von einer Freundschaft mit gesunder Skepsis sprechen. Skepsis und Misstrauen tritt vor allem dann auf, wenn es um Besitz oder Geld geht, um Ehrlichkeit. Trotzdem entstehen Freundschaften, in denen man sich unterhält, zusammen lacht, streitet und was eben zu einer Freundschaft zählt, nur das eben ein wirklicher Freund auf den man sich zu 100% verlassen kann, denke ich schwierig zu finden ist und, dass das auch lange Zeit braucht.

Viele freuen sich, dass ich komme. Sie können mir ihre Sorgen erzählen, oder oft schimpfen sie über Rumänien, sie wollen über Deutschland reden und ihre Hoffnung, dort eine Arbeit zu finden. Sie spielen mit mir Karten, machen Späße untereinander, der Umgangston ist meistens rau, vulgär, manchmal auch aggressiv, aber noch nie ist es zu Auseinandersetzungen gekommen. Es ist mehr oder weniger der Ton der Straße, der aber auch etwas sehr lebendiges hat. Ich erfahre dort sehr viel über Rumänien, über das Leben hier, über das System, und natürlich auch ein bisschen, wie die Menschen hier denken. Viele von ihnen treffe ich mittags, oder abends in der Stadt, wenn sie arbeiten.

Einen treffe ich am Bahnhof ab und zu, wenn ich von Periam komme. Wir gehen dann meistens einen Tee oder Kaffee trinken und unterhalten uns eine halbe oder eine Stunde. Oder einer, der nur 3 Jahre älter ist als ich. Viele verwechseln uns im Nachtasyl oder sagen wir sind Brüder und für ihn bin ich das auch. Ein kleiner Bruder. So werde eigentlich ich in ihre Gemeinschaft nach und nach aufgenommen und es entstehen Freundschaften, aber Freundschaften, in denen Geld nichts zu suchen hat. Aber erstaunlicher Weise fragt mich auch niemand hier nach Geld. Natürlich fragt man mich häufig nach meinem Taschengeld und ich antworte dann darauf auch ehrlich, aber sie neiden mir das nicht. Wahrscheinlich muss ich für sie auch viel Geld haben, da ich Deutscher bin. Oder weil halt sozial und gerecht keine wirklich wertgeschätzten Begriffe sind.

Generell finden Sozialprojekte in Rumänien wenig Zuspruch in der Bevölkerung, aber auch so wenig wie möglich Unterstützung vom Staat. Das resultiert sicher auch aus der kommunistischen Vergangenheit dieses Landes, in der Randgruppen und vor allem unproduktive Bevölkerungsgruppen als asozial (daher stammt auch der heutige Begriff) bezeichnet wurden und ausgegrenzt oder aktiv vernachlässigt wurden, da sie dem Wohl der Gemeinschaft nicht dienen konnten.

Wenn es dann um 1989 geht, sprechen hier viele von der gestohlenen Revolution, da mit dem Sturz und Hinrichtung Ceausescus und Säuberung von Militärs sowie Regierung zwar die Repräsentanten verschwanden, allerdings ausgetauscht wurden durch alte Parteimitglieder und Aktionäre unter anderer Fahne. Korruption blieb bestehen, Einzelne bereicherten sich am Land und das System bestand unter anderen Begriffen und Namen weiterhin. Für viele Rumänen sind es bis heute die alten Kommunisten/Sozialisten, die das Land anführen. Deswegen ist es auch schwierig über dieses Thema zu sprechen.

Das ist nur ein sehr kleiner Einblick um Überhaupt das Leben und das Denken der Menschen hier annähernd begreifen zu können. Es ist nur der simpelste Versuch, die Wirkung der rumänischen Geschichte der letzten 50/60 Jahre und ihre Auswirkungen bis heute auf das Land und die Menschen allgemein, aber auch vor allem im Bereich des Sozialen/ -projekte erfassen zu können.

Zu dem kommt, seit dem Beitritt zur EU ein Neid gegenüber zuschussgeförderten Minderheiten, vor allem den Roma, da diese Gelder meist durch die EU kontrolliert werden und nicht vom Staat einfach „eingesteckt“ werden können, während in der normalen Bevölkerung ein Aufschwung, bzw. eine Veränderung kaum zu spüren ist.

Natürlich ist frischer Wind spürbar. Vor allem in der Kulturstadt Timisoara verändert sich seit den letzten Jahren vor allem infrastrukturell und im Stadtbild vieles, mit dem Ziel 2020 europäische Kulturhauptstadt zu werden. Aber auch gesellschaftlich bewegt sich Rumänien in kleinen Schritten. Grad Klaus Johannis genießt, nach dem was ich so höre sehr hohes Ansehen in Rumänien. Man hofft auf den neoliberalen Kurs des 2014 gewählten Präsidenten. Doch er allein kann nicht immer entscheiden und hat somit auch gegen einen starken Parteiapparat zu kämpfen. Dennoch ist Veränderung spürbar, auch wenn sie ihre Zeit braucht, Grad in Rumänien wo Arbeit nicht immer ganz so wichtig genommen wird, frei nach dem Motto „Lebenszeit ist Arbeitszeit“, was aber, wenn man der Typ dafür ist, auch eine angenehme Erfahrung sein kann. Es ist zwar schwer zu beschreiben, aber wenn ich es versuchen soll, in Worte zu fassen, dann vertraut man hier mehr auf seine Arbeit; keine Hektik, das wird schon. Es ist keine Faulheit, aber eine gewisse Ruhe und nicht so strikt, effektiv und regelorientiert oder -konform, wie in Deutschland. Zu mir passt das eigentlich ganz gut, aber man muss den Dingen halt auch mehr Zeit geben bei ihrer Entstehung/ Entwicklung.

Bevor ich mit diesen schönen und hoffnungsvollen Worten ende, möchte ich von meinem bisher hier schönsten Erlebnis berichten. Kurz nach meiner Ankunft Ende Juli, wurde ich spontan von meinem Projekt in Periam eingeladen, mitzukommen auf eine Art Feriencamp für die Romakinder nach Sasca Montana. Auf diesem Ausflug habe ich nicht nur sehr viele nette Menschen kennengelernt, ich habe auch sehr viel über meine Kinder aus dem Projekt erfahren, wir hatten sehr fröhliche, spaßige Momente zusammen und ich habe eine sehr schöne Region Rumäniens kennengelernt. Neben den Bade- und Wanderausflügen rund um Sasca Montana, ging es vor allem um Themen wie Freundschaft, Liebe und Familie. Dazu gab es drei Thementage, an denen in Diskussionen drei Säulen einer guten Beziehung erarbeitet wurden: Vertrauen, Respekt, Liebe. Am Ende hat jeder ein Zertifikat bekommen, dass er an dieser Freizeit teilgenommen hat.

Ich habe in der Zeit die Kinder sehr gut kennengelernt und sie sind mir sehr ans Herz gewachsen. Am letzten Abend gab es eine Talenteshow. Spontan wurde ich dazu überredet einen Romasong mit zwei Jungs einzustudieren. Am Abend wollten fast alle Jungs dann mitsingen und es hat sehr viel Spaß gemacht. Sie waren sehr stolz darauf und auch auf mich, dass sie es mir in so kurzer Zeit beigebracht hatten.

Die Zeit hat mich sehr an die Feriencamps in meiner Kindheit erinnert, nur dass ich diesmal plötzlich einer der Erzieher. Trotzdem war es sehr schön die Kinder so glücklich zu sehen und ich habe wundervolle Erinnerung an diesen Ausflug. Er hat mir einen sehr guten Start in dieses Jahr bereitet.

Mit dieser besonderen Erinnerung möchte ich nun meinen Bericht enden.